Das Geheimnis von Cannes liegt im Keller

Von Felix Schlepps

Stell dir vor, es ist Festival of Creativity in Cannes – und du bist ein BW Lion. Hammer. Einige hundert Vorträge, Workshops, das heißeste Zeug in Sachen Advertising und fette Beach-Installationen von Facebook, Pinterest und Konsorten. Dazu die spektakulären Award Shows und ganz nebenbei gibt es da ja auch noch eine Menge Partys der Kategorie Instagold. Ok, wo ist der Haken? Ganz ehrlich, es gibt keinen. Naja, einen gibt es schon. Denn gerade als Cannes-Greenhorn nimmt man sich in der Juni-Hitze der Côte d’Azur – im Eifer des Gefechts – gerne einmal deutlich zu viel vor. Und das bereut man schnell.

Hart aus der Kurve geflogen

Das Angebot ist riesig. Nichts liegt näher, als in Cannes direkt am Montag Vollgas zu geben und im Stechschritt die berühmte Promenade de la Croisette runter zu ballern. Auf ins Palais! Eisern wird versucht, alle Veranstaltungen, die vorher stundenlang über die App ausgesucht und im Kalender mit Herzchen versehen wurden, mitzunehmen. In der Mittagspause willst du dir natürlich die Beaches ansehen. Am besten gleich fünf hintereinander. Und dann ist da ja noch das allerwichtigste: Bilder, Bilder und Bilder. Cannes ist schließlich eine einzige Content-Explosion. Für dein eigenes Profil, für die Kanäle der KAVALLERIE, für die BW Lions. Für alles und jeden. Im Anschluss wieder fix zurück zum Festivalgelände. Ja nichts verpassen: Daimler im Debussy, Apple im Lumière und vielleicht noch ein bisschen „Future of Strategy“ im Audi A. Die Partys an den Stränden und in den Villen in den Bergen dürfen aber – wie schon erwähnt – auch nicht fehlen. Das würdest du dir niemals verzeihen. Nichts wie hin. Aber Achtung, am Abend finden noch die Verleihungen statt, zumindest eine davon muss man gesehen haben. Also wird die Award-Show heute Abend auf der vorletzten Rille auch noch mitgenommen. Und danach noch eine Strandparty hier und eine Pub-Party da, inklusive Straßenauftritt einer Trommel-Kombo aus New York City.

Genauso mach ich das also, zwei ganze Tage lang. Was soll ich sagen? Dienstagabend bin ich platt. Komplett überladen mit 100.000 Eindrücken und zunehmend genervt davon, gar nicht mehr filtern zu können, was mich hier wirklich interessiert – geschweige denn, was ich für meinen Cannes Lions Report mitbringen möchte. Kurz: Cannes hat sich bis zur absoluten Reizüberflutung hochgejazzt und ich bin aus der Kurve geflogen.

Der magische Mittwoch

Doch glücklicherweise kommt der Mittwochmorgen. Und mit ihm die beste Entscheidung der Woche: erstmal schwimmen gehen. Ab an den Strand und zwar in angemessenem, fast schon schlurfigem Tempo. Die erste Veranstaltung um 9 Uhr hätte ich natürlich gerne mitgenommen, aber was soll´s. Runterkühlen ist jetzt wichtiger. Einfach mal ordentlich durchatmen und die Eindrücke sortieren. Mitten im türkisen, perfekt temperierten Meer und in gefühlter Schwimmweite zu den teils übertrieben dicken Yachten vor der Küste kehrt die Kraft zurück ins überhitzte System. Von nun an ist die perfekte Cannes-Geschwindigkeit festgelegt.

Where the Magic happens

Vielleicht lohnt es sich, in diesem Rhythmus auch die ruhigeren Ecken des Festivals mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Zum Beispiel die Ausstellung der engeren Auswahl der eingereichten Cases im Untergeschoss des Palais. Hier herrscht im Vergleich zum Trubel der oberen Etagen eine nahezu andächtige Stille. Ich schlendere also durch den Themenbereich Outdoor Communication. Diesen hatten wir bereits am Tag zuvor in einer exklusiven Juryführung erläutert bekommen. Nun habe ich die Zeit, die Ruhe und auch die Muße, mich intensiv mit den Plakaten zu beschäftigen. Keine aufgeblasenen Case-Filme, kein Tamtam. Einfach nur starke Ideen auf Pappe. Wie gut ist eigentlich die here to create change Kampagne von Adidas mit Tennislegende Billie Jean King, die Frauen im Sport motivieren soll? Oder die Nummer von UBER mit dem brasilianischen Torwart, der mitten im Spiel sein Smartphone rausholt, sich danach von Fans und Medien tagelang beschimpfen lassen muss – um später aufzulösen, dass alles ein großes PR-Ding war, um die Aufmerksamkeit auf die Gefahr von Smartphones im Verkehr zu ziehen.

Ich weiß nicht, warum. Aber in dieser reduzierten, museumsartigen Darstellung fühle ich die Kraft der Ideen einfach mehr. So macht Cannes Spaß. Klar, ich gehe gleich auch wieder hoch an die Sonne, zu den Beaches und auf eine Party, oder drei. Ich werde mich auch noch in einige Vorträge und Workshops setzen. Aber genau in diesem Rhythmus. Und morgen früh gehe ich schwimmen.